11. Februar 2020

Ungehindert Leben!

Ungehindert Leben! Was nach einem Versprechen klingt oder vielleicht nach einem Aufruf, das Leben zu genießen, hat auf den zweiten Blick viele, auch ernste Facetten. Ungehindertes Leben ist für viele Menschen keine Selbstverständlichkeit. Wer mit einer Behinderung lebt, erfährt häufig, wie viele Hürden es auf dem Weg zu einem Leben mit vollständiger Teilhabe zu meistern gilt. Wir haben für diese Ausgabe der Hauspost mit Menschen im Landkreis Dachau gesprochen, die tagtäglich der Mammutaufgabe begegnen, Barrieren im Raum, aber auch in den Köpfen abzubauen.

Die Stadt auf dem Berg

„Schon von weitem fällt die besondere Lage der Stadt auf: die malerische Altstadt und das kurfürstliche Schloss der Wittelsbacher liegen auf einer Anhöhe über der Amper und dem Dachauer Moos.“ Diese Beschreibung des ersten Endruckes von der Stadt Dachau findet sich in zahlreichen touristischen Veröffentlichungen wieder. Sicherlich, für viele der etwa 800.000 Touristen, die jährlich die Stadt Dachau besuchen, ist die KZ-Gedenkstätte der Hauptgrund für eine Fahrt nach Dachau. Viele Versuche, Besucher von einem Abstecher in die historische Altstadt mit ihren lauschigen Ecken, historisch interessanten Bauwerken, den Galerien und Museen sowie der eindrucksvollen Schlossanlage zu überzeugen, brachten nicht den erhofften Erfolg.

Noch immer ist das Bild in der Altstadt nicht von Reisegruppen geprägt, sondern von Einheimischen und gelegentlichen Besuchern aus dem Dachauer Land oder umliegenden Landkreisen. Die Altstadt ist, allen Unkenrufen zum Trotz, gerade in den letzten Jahren wieder aus einer Art Dornröschenschlaf erwacht: Gastronomie, Einzelhandel und sogar das Dachauer Nachtleben fassen wieder Fuß.

Die Altstadt – das Herzstück der Stadt

Das ist mit Sicherheit vielen Faktoren geschuldet: einer besseren öffentlichen Anbindung durch eine schnelle Busverbindung zum Bahnhof  sowie einer Bahnverbindung zum Fuß der Altstadt, einer vielfältigen Gastronomie, die kaum einen Wunsch offenlässt – vom gemütlichen, lauschigen Café über gehobene internationale und bayerische Küche bis hin zu Bars, in denen sich der Feierabend bei Snacks und Cocktails beginnen lässt – aber mit Sicherheit auch dem breiten kulturellen Angebot. Die Altstadt ist das Zentrum des kulturellen Lebens in der Stadt. Das ganze Jahr über finden hier Konzerte statt, die meisten Galerien und Museen haben hier ihren festen Platz und wechselnde Ausstellungen bieten Schönes, Informatives, Historisches, Inspirierendes.

Dieser Teil Dachaus ist der älteste, und daher über lange Zeit gewachsen. Das Dachauer Schloss, das so imposant über der Stadt thront, entspricht längst nicht mehr dem Bild, das es zu Zeiten abgab, zu denen es noch als Sommerresidenz der Wittelsbacher genutzt wurde. Nur noch ein Viertel der ursprünglichen Anlage ist erhalten, weiß der Dachauer freilich.

Die Zeiten, in denen die erhabene Position einer Siedlung dem Zweck diente, Menschen davon abzuhalten, sie zu erreichen, sind vorbei. Heutzutage stellt sich ungleich häufiger die Frage: Wie können Orte, die sich schon aufgrund Ihrer Lage oder ihrer baulichen Gegebenheiten als unwegsam erweisen, möglichst vielen Menschen zugänglich gemacht werden?

Hürden für Menschen mit Behinderung

Dieses Problem betrifft vor allem Menschen, die mit einer Behinderung leben. Seit 1994 steht im Grundgesetz: „Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“. Der Satz gibt eine Anweisung, wie mit Menschen mit Behinderung umzugehen ist. Vielmehr: wie nicht. Aber er gibt nur eine recht allgemeine Richtung vor, die weder zur aktiven Inklusion, also zu einer gezielten Ermöglichung der Teilnahme behinderter Menschen am öffentlichen Leben aufruft, noch Weichen stellt, besondere Anforderungen und Bedürfnisse in den Vordergrund zu stellen.

In den folgenden Jahren wurde diese Aussage des Grundgesetzes durch weitere Gesetze und Übereinkünfte ausgeführt. Beispielsweise müssen die Internetseiten von Behörden barrierefrei gestaltet sein. Derlei Maßnahmen haben das Ziel, Menschen mit körperlicher oder geistiger Behinderung eine weitestgehend autonome Lebensführung zu ermöglichen. Doch auch der Ansatz, Menschen, denen die Teilnahme an vielen Lebensbereichen verwehrt oder zumindest erheblich erschwert wurde, vom „Rand der Gesellschaft“ in deren Mitte zu holen, führt zu keiner wirklichen Gleichberechtigung. Irgendwohin „geholt zu werden“ ist keine echte Selbstständigkeit. Die Erwartungen an die Inklusion sind deutlich höher. Inklusion soll bedeuten, dass Hürden von vornherein gar nicht erst entstehen.

Hürden gibt es nicht nur auf der Straße

Dabei sind Hürden in jedem möglichen Sinn zu verstehen: Gegen die Hürde der Teilnahme am „normalen“ Arbeitsmarkt trat im Jahr 2006 das Allgemeine Gleichstellungsgesetz in Kraft. Gegen Hürden im Kopf entstehen zum Beispiel Begegnungsstätten und Inklusionskindergärten, in denen die Grenzen der scheinbaren „Normalität“ von klein auf verschwimmen. Hürden in Bauten und Anlagen sollen durch Verordnungen für Bauvorhaben, ÖPNV und dergleichen schon bald der Vergangenheit angehören. Doch lässt sich ein Abbau von Barrieren, im Kopf oder beim Bauen, per Gesetz vollziehen? Zumal mit echter Inklusion nicht nur der Abbau von Barrieren für Menschen mit einer Gehbehinderung gemeint ist. Das ist ein wichtiger Ansatzpunkt, um Möglichkeiten der Autonomie zu schaffen. Doch Teilhabe und Gleichberechtigung zu ermöglichen erfordert weit mehr.

Individuelle Problemstellungen und Hürden im Eigenheim

Menschen mit Behinderung müssen sich oft mühsam durch Vorschriften und Anträge arbeiten, um Unterstützung zu bekommen. Das „normale“ Leben ist nicht auf ihre Bedürfnisse ausgerichtet. Einer der hier Hilfestellung leistet, ist Wolfgang Rettinger. [Anm.: +2019. S. Hinweis am Ende des Artikels.] Seit 2011 ist er Behindertenbeauftragter des Landkreises Dachau, und wie alle 12 Behindertenbeauftragten im Landkreis Dachau erfüllt er diese Aufgabe ehrenamtlich. Bei vielen Fragen sind die Behindertenbeauftragten die ersten Ansprechpartner, sei es beim Beantragen eines Schwerbehindertenausweises, bei Fragen zum Berufsleben, zur Wohnungssuche oder zu Unterstützungsmöglichkeiten – sie machen, wie Wolfgang Rettinger sagt, „alles außer Rechtsberatung“. Und das Angebot wird gerne wahrgenommen, oft rund um die Uhr.

Barrierefreies Wohnen

Wohnen ist für Rettinger ein zentrales Thema. Obwohl „barrierefreies Wohnen“ inzwischen in aller Munde ist, ist die Suche nach einer geeigneten Wohnung für Menschen mit einer Behinderung schwierig. Das betrifft Rollstuhlfahrer, aber genauso auch Blinde, Gehörlose, Taubstumme, Klein- oder Großwüchsige sowie Menschen mit Gehhilfen wie Rollatoren oder Ähnlichem. Wer sich zum Kauf von Wohneigentum entscheidet – oder dieses bereits im Besitz hat – macht sich oft erst im Zusammenhang mit altersgerechtem Wohnen Gedanken über die Barrieren in der eigenen Wohnung.

Umbau ist nicht immer möglich

Erst im „Ernstfall“ zeigt sich dann, ob das eigene Zuhause behindertengerecht umgebaut werden kann. Einige Wohntrends stellen sich dabei dann als kontraproduktiv dar. Die Küche schmal halten, um mehr Raum für einen großzügigen Wohn-/Essbereich zu haben? Liegt voll im Trend, der „Wohlfühlfaktor“ steigt, wenn das Notwendige dem Angenehmen so wenig Platz wie möglich raubt. Aber was, wenn man eines Tages darauf angewiesen ist, die Küche auch mit Rollator oder im Rollstuhl sitzend noch benutzen zu können? Und auch wenn das große Badezimmer heute zum Statussymbol geworden ist, findet sich in den meisten Wohnungen doch noch immer die platzsparende Nasszelle früherer Jahre.

Notwendigkeit von Barrierefreiheit ist kein Randphänomen

Eigenheimbesitzer haben diese Faktoren selbst in der Hand, und tun gut daran, sie frühzeitig bei der Planung ihrer Wohnräume zu berücksichtigen.

Die Planung von barrierefreien Wohnungen schafft die Möglichkeit, selbst in eine solche einzuziehen, sollte eines Tages der Bedarf bestehen. Andererseits zeigen die Zahlen im Landkreis Dachau beispielhaft, dass der Bedarf an barrierefreien Wohnungen weit über den Bestand hinausgeht. Alleine der Bevölkerungsanteil mit einem Grad der Behinderung von mindestens 50%, also einer Schwerbehinderung, liegt hier bei 11-12%. In absoluten Zahlen ausgedrückt sind das etwa 17.000 Menschen. Würden alle in einem Ort wohnen, ergäbe das die drittgrößte Gemeinde im Landkreis. Ein Teil davon ist dauerhaft oder temporär auf einen Rollstuhl angewiesen. Dazu kommt noch eine große Anzahl an Menschen mit „leichteren“ Behinderungen. Für diese Menschen existieren bei weitem nicht genügend passende Wohnungen.

Die Anforderungen sind individuell unterschiedlich

Die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung sind sehr individuell und von Art sowie Grad der Behinderung abhängig. Für manche ist es notwendig, eine Wohnung schwellenfrei zu gestalten – für andere hingegen, beispielsweise blinde Menschen, können kleine Erhebungen hilfreich sein. Grundsätzlich ist Barrierefreiheit ein Begriff, dessen eigentliche Bedeutung weit über das hinausgeht, wofür er meist verwendet wird. Umgangssprachlich findet häufig eine Gleichsetzung von „barrierefrei“ und „rollstuhlgerecht“ statt. Im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention und der Behindertengleichstellungsgesetze bedeutet Barrierefreiheit jedoch nicht weniger als die Maxime, dass allen Menschen jeder Lebensbereich und alles, was der Mensch geschaffen hat, gleichermaßen offenstehen sollte und das unabhängig von ihrer körperlichen oder geistigen Verfassung. Das betrifft die Gestaltung von Bauwerken, Verkehrsmitteln, des öffentlichen Raumes, Bildung, Freizeiteinrichtungen, Technik und vieles mehr. Wie weit wir davon entfernt sind, die Vorgaben der UN-Behindertenrechtskonvention zu erfüllen, zeigt sich in nahezu jeder Stadt auf Schritt und Tritt.

Wagen Sie doch einmal das Experiment: Achten Sie bei Ihrem nächsten Spaziergang oder dem Weg zum Einkaufen oder in die Arbeit einmal darauf, wie viele Eingangstüren auf Ihrem Weg schwellenlos erreichbar sind. Wie viele S- oder Trambahnen höhengleich und mit einem Abstand von weniger als 10 cm zum Bahnsteig halten. Wie viele Gegenstände im Supermarkt Sie sitzend erreichen könnten. Oder an welchen Stellen auf Ihrem Weg Sie eine Straße überqueren könnten, wenn es Ihnen nur anhand akustischer Eindrücke möglich wäre, die Ampelfarbe zu erkennen. Allen, wirklich allen Menschen die gleichen Möglichkeiten der gesellschaftlichen Teilhabe zu ermöglichen, und das ohne fremde Hilfe: das ist der Grundgedanke von Barrierefreiheit.

Barrierefreiheit – gab es da nicht ein Gesetz?

Um diese Vision handhabbarer zu machen existieren zahlreiche Gesetze, Normen und Richtlinien, die zumindest für einige Bereiche Kriterien für eine weitestgehende Barrierefreiheit vorgeben. Die bekannteste – und wohl wichtigste – Norm aus dem Bereich des privaten Bauens ist in Bayern die DIN18040-2 „Barrierefreies Bauen – Planungsgrundlagen – Teil 2: Wohnungen“. Da diese jedoch keinen Gesetzescharakter hat, dient sie nur als Anhaltspunkt für das, was möglich und erwartbar wäre. Auch die kommunalen Vorgaben für die Genehmigung privater Bauvorhaben sehen nur selten eine uneingeschränkte Einhaltung der DIN18040-2 als Kriterium vor.

Selbst wenn Barrierefreiheit im Hinblick auf altersgerechtes Wohnen ein immer stärkeres Gewicht bekommt, ist es  bedauerlicherweise in den meisten Fällen noch so: Barrierefreiheit wird dann zum Thema, wenn sie akut persönlich benötigt wird. Barrierefrei gebaut wird meist dann, wenn sich aus Gesetzen und Verordnungen eine Verpflichtung hierzu ergibt. Diese können schon für Kommunen bei der Ausweisung von Bebauungen gelten, insbesondere für die Einrichtung öffentlicher Gebäude setzen sich solche Vorgaben immer mehr durch. Darüber hinaus ist aber meist die Kommune gefordert, bei der Genehmigung privater Bauvorhaben darauf zu achten, dass Wohnraum und Arbeitsstätten in ausreichendem Maße für alle Bevölkerungsgruppen zugänglich sind.

Einfache Hilfen mit großer Wirkung

Dabei hat eine Behinderung immer zwei Seiten: auf der einen Seite eine körperliche oder geistige Abweichung von der definierten „Norm“, auf der anderen Seite ist da jedoch noch der Faktor „an etwas gehindert werden“, also die passive Behinderung durch suboptimale äußere Bedingungen. Anders ausgedrückt: Einige Formen von Behinderungen können abgeschwächt werden, wenn den Bedürfnisse dieser Menschen in den äußeren Umständen Rechnung getragen wird. Bauliche Veränderungen können die Angewiesenheit auf fremde Hilfe stark reduzieren, die Teilnahme an Freizeitaktivitäten ermöglichen oder dazu beitragen, dass der eigene Alltag selbstständig bewältigt werden kann. Beispielhaft seien hier akustische Signale an Ampeln oder kontrastreiche, bzw. taktile Führstreifen auf Wegen erwähnt, die es sehbehinderten oder blinden Menschen deutlich leichter machen, Straßen zu überqueren oder selbstständig öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen.

Für Menschen, die auf Gehhilfen oder Rollstühle angewiesen sind, kann schon die Beschaffenheit des Untergrundes einen entscheidenden Unterschied machen. An einigen Stellen werden nun sogenannte „Laufbänder“ auf unebenen Untergründen errichtet. Diese haben eine glatte Oberfläche mit relativ schmalen Rillen, sodass eine geringere Kraftanstrengung vonnöten ist, um einen Rollstuhl oder Rollator darüber zu schieben, und die Gefahr des Steckenbleibens verringert wird.

Entscheidend ist das Problembewusstsein

Damit sich die Situation verbessert, ist entscheidend, dass die Beteiligten – Planer und Entscheidungsträger, im öffentlichen wie im privaten Bereich – nicht nur die Möglichkeiten hierzu haben, sondern auch den Willen, etwas zu verändern. Aus Sicht Wolfgang Rettingers stehen die Zeichen im Landkreis Dachau inzwischen besser als noch vor einigen Jahren. In Pfaffenhofen an der Glonn wird Barrierefreiheit in neuen Wohngebieten über den Bebauungsplan festgeschrieben, und auch „die städtische Wohnungsbaugesellschaft (Anm.: Stadtbau GmbH) hat das Problem erkannt“.

Trotzdem ist noch immer nicht ausreichend passender Wohnraum für Behinderte vorhanden, und im öffentlichen Bereich die Barrierefreiheit noch lange nicht flächendeckend umgesetzt. Und auch außerhalb des Bereiches „Bauen“ besteht weiterhin Handlungsbedarf. Für Christine Unzeitig, die sich ehrenamtlich im Verein „Behinderte und Freunde Stadt und Landkreis e.V.“ (im Folgenden: Behinderte und Freunde e.V.) engagiert, spielt besonders die Sensibilität im Miteinander eine große Rolle. „Menschen mit Behinderung wollen angenommen werden. Und zwar nicht in ihrer Behinderung, sondern als Mensch.“ Aus ihrer Sicht gehört dazu ein erhöhtes Maß an Empathie: Der Umgang mit Menschen, die eine Behinderung haben, kann eine Umstellung sein, die auch Umstände machen und zusätzliche Arbeit bedeuten kann. Beispielsweise für Bus- oder Taxifahrer, die in einem engen Zeitplan agieren. Für sie erhöht sich der Druck zusätzlich, auch weil andere Fahrgäste auf eine möglichst zügige Beförderung drängen.

Viele kleine Schritte führen zum Ziel

Trotz vieler Negativbeispiele sehen Wolfgang Rettinger und Christine Unzeitig durchaus Fortschritte. Sei es, dass Elektro-Rollstühle mittlerweile in Bussen mitgenommen werden, oder dass in der Gesellschaft eine größere Hilfsbereitschaft zu bestehen scheint. „Die Frage ‚Kann ich helfen?‘ hört man immer häufiger“, so Rettinger. „Und wer einem anderen seine Hilfe anbietet, behandelt ihn eigentlich gerade normal.“

Der Verein Behinderte und Freunde e.V. freut sich über jede Verbesserung. Von der vermehrten Schaffung barrierefreier Wohnungen durch die kommunalen Wohnungsbaugesellschaften bis hin zu Privatpersonen, die aus persönlicher Überzeugung Rücksicht auf die besonderen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung nehmen. Für Unzeitig gilt: „Man muss halt reden mit den Leuten“. Durch dieses „miteinander reden“ haben sie bereits einige Verbesserungen erreicht. Bauliche, aber auch zwischenmenschliche.

Neben der Verbesserung äußerer Bedingungen hat es sich der Verein auch zur Aufgabe gemacht, die Sensibilität für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung zu fördern. In den meisten Fällen sollte das heißen: die Sensibilität dafür, dass Menschen mit Behinderung die gleichen Bedürfnisse haben wie alle anderen auch. Denn was sich durch eine Behinderung jedweder Art verändert, sind die Möglichkeiten, diesen Bedürfnissen Rechnung zu tragen. Heuer, erzählt Christine Unzeitig, hat der Verein wie schon oft einen Gruppenausflug unternommen. An den Ammersee diesmal – denn die neue „MS Utting“, die im Juli 2017 den Betrieb aufgenommen hat bietet, als erstes Schiff der Ammersee-Schiffsflotte, einen stufenlosen Zugang zu allen Ebenen. Solche Erlebnisse sind nicht alltäglich, und doch gehört es für jeden zur Lebensqualität, Freizeitangebote zu haben und auch nutzen zu können.

Pilotprojekte zeigen, wie die Normalität aussehen sollte

Ein interessantes Projekt auf diesem Gebiet trägt den etwas sperrigen Namen „Einführung des Kennzeichnungssystems ‚Reisen für Alle‘ im Sinne eines Tourismus für Alle in Deutschland“. Menschen mit Behinderung sollen damit, im Sinne der Behindertenrechtskonvention der vereinten Nationen, einheitliche, geprüfte und verlässliche Informationen zur  Reisen und touristischen Angeboten erhalten. Das gilt nicht nur für Menschen mit Gehbehinderung oder Rollstuhlfahrer, auch die Voraussetzungen für Menschen mit Seh- oder Hörbehinderungen oder kognitiven Beeinträchtigungen werden getestet. [1]

Der Zugang zu Freizeiteinrichtungen gehört zu gesellschaftlicher Teilhabe wie auch die Möglichkeit, am „ganz normalen Leben“ teilzunehmen. Gerade im Hinblick auf hörgeschädigte Menschen bereitet das Christine Unzeitig Sorgen. „Man denkt immer, das ist nicht so schlimm, aber diese Menschen ziehen sich häufig total zurück, wenn sie nicht mehr so viel mitbekommen. Sie vereinsamen oft.“ Sie gehören, wie Menschen mit kognitiven Störungen, für Unzeitig zu den Gruppen, die beim Thema Barrierefreiheit noch stark vernachlässigt werden. Nicht nur bauliche Veränderungen können helfen. Allem voran stehen die Verbesserungen in den sozialen Rahmenbedingungen: dem Verständnis und der Rücksichtnahme.

Wo soll die Reise hingehen?

Das Ziel sollte es sein, allen Menschen den gleichen Zugang zu Wohnraum, Arbeit und Freizeit zu bieten. Dabei ersetzt der reine Zugang selbstredend nicht einen darüber hinausgehenden Unterstützungsbedarf. Dennoch sollte das Recht auf die freie Entfaltung der Persönlichkeit nicht schon an dieser Stelle durch ein gedachtes „wo es eben baulich möglich ist“ beschnitten werden, sondern sich auch im täglichen Planen und Handeln an der Maxime orientieren, tatsächlich jedem die Türe zum gemeinsamen Leben aufzuhalten.

Damit das gelingt, ist nicht nur die Politik gefordert. Sie kann Rahmenbedingungen schaffen, Fördermittel bereitstellen und Vorschriften erlassen. Ein Miteinander erfordert aber auch eine gewisse Anstrengung von privater Seite. Der Wille zur Inklusion ist eben ein gesellschaftlicher Wert, der diejenigen auszeichnet, die ihn in sich tragen.

Die ersten Schritte sind gemacht, dank dem Einsatz von Menschen mit Behinderung selbst, dem wachsenden allgemeinen Bewusstsein für ihre Bedürfnisse und auch Vereinen und Einzelpersonen die sich darum bemühen, Teilhabe zu ermöglichen. Viele weitere Schritte müssen noch folgen, damit – hoffentlich in naher Zukunft – jeder das Leben ungehindert genießen kann.

 

[1] Deutsches Seminar für Tourismus (DSFT) Berlin e. V: Reisen für alle. Unter:. http://www.reisen-fuer-alle.de/ziele_nutzen_261.html [Stand 11.10.2017].

 

Hinweis:

Dieser Artikel stammt aus unserm Hauspost – Archiv.

Unser Gesprächspartner für diesen Artikel, Wolfgang Rettinger, verstarb am 7.8.2019. Wir sind dankbar für die vielen Jahre, in denen wir Wolfgang Rettinger kennen durften. Er war ein unermüdlicher Kämpfer für die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen. Mit viel Kompetenz und langem Atem setzte er sich in seiner Funktion als Behindertenbeauftragter des Landkreises Dachau, vorübergehend gleichzeitig auch als Behindertenbeauftragter der Stadt Dachau, dafür ein, dass Belange der Inklusion überall Gehör fanden. Dass Inklusion in Stadt und Landkreis Dachau keine Randnotiz ist, sondern zentraler Aspekt öffentlicher Planung, ist zu einem guten Teil sein Verdienst. Darüber hinaus machte er sich für umfassend barrierefreies Bauen stark und, a propos stark, gab den Menschen Halt, die sich ratsuchend an ihn wandten. All das tat er gern, mit viel Herzblut – und er tat es ehrenamtlich. Wir sind froh, Wolfgang Rettinger gekannt zu haben. Unser Mitgefühl gilt seiner Frau und seinen Töchtern.

Wir haben entschieden, diesen Artikel auch nach Wolfgang Rettingers Tod zu veröffentlichen, um sein herausragendes Engagement zu würdigen – und weil der Artikel, und damit auch Wolfgang Rettingers Anliegen, nicht an Aktualität verloren haben.

Für Fragen rund um das Thema Behinderung und Inklusion können sich Betroffene und Angehörige an folgende Stellen wenden (Aufzählung nicht abschließend):

Landratsamt Dachau, Informationen hier

Stadt Dachau, Informationen hier

 

[Dieser Artikel erschien erstmals 2017 in Hauspost Nr. 2]

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