18. Februar 2020

Fünf Fragen an… Miss Bayern Sarah Zahn

„Erzieher verdienen mehr Wertschätzung“

Das ist dann doch eine eher ungewöhnliche Kombination: Die Dachauerin Sarah Zahn (22) ist aktuelle Miss Bayern, drittplatzierte Miss Germany sowie Studierende in Ausbildung zur staatlich anerkannten Erzieherin an der Fachakademie für Sozialpädagogik der Inneren Mission in München. Ihre Praxis absolviert sie in einem Kindergarten der Diakonie Hasenbergl. Sie selbst hat noch keine Kinder; irgendwann möchte sie aber welche. „Das hat aber noch Zeit“, sagt sie uns. Die Hauspost-Redaktion hat Sarah Zahn getroffen und mit ihr über ihr Ausbildungsmodell, Kinderbetreuung und über ihre Pläne gesprochen.

Frau Zahn, Sie haben beruflich bedingt viel mit Kindern zu tun. Haben „Ihre“ Buben und Mädchen bzw. Kollegen mitbekommen, dass Ihre Erzieherin Miss Bayern ist bzw. an der Miss-Germany-Wahl teilgenommen hat?

Die Kinder haben das eher nicht mitbekommen. Die Kolleginnen wussten aber Bescheid. Die Reaktionen waren am Anfang unterschiedlich. Manche haben ganz cool reagiert und fanden das toll. Andere haben das eher belächelt, weil viele eben denken, dass das eine reine Fleischbeschau ist. Von meiner Schule habe ich dagegen großen Zuspruch erfahren. Der Schulleiter hat gleich eine Zeitung informiert. Die waren total stolz und haben sich wie meine Familie, die bei beiden Events natürlich dabei war und mich lautstark unterstützt hat, wahnsinnig für mich gefreut. Man kann eigentlich sagen, dass die Reaktionen überwiegend positiv waren.

Die Kinderbetreuung insbesondere in Bayern steht immer wieder in der Kritik. Was läuft gut, was ist verbesserungsfähig?

Da fällt mir in erster Linie der Personalmangel ein. Auch ich habe lange überlegt, ob ich den Job mache oder nicht. Während eines Praktikums auf der FOS habe ich schon festgestellt, dass man als Erzieher eine wahnsinnig große Verantwortung hat, aber nicht leistungsgerecht vergütet wird. Dazu kommt, dass es regional und je nach Träger große Unterschiede geben kann. Der Mangel an gutem Personal ist aus meiner Sicht vor allem durch eine bessere Bezahlung zu beheben.

Außerdem würde ich mir mehr Wertschätzung für diesen verantwortungsvollen Beruf wünschen. Die Leute fragen oft, warum ich mit Abitur nicht etwas „Gescheites“ mache oder studiere. Wobei ich den Job als sehr schön empfinde, weil man eine sehr wichtige Rolle im Leben eines Kindes und somit für Familien spielt. Vor allem in dem Bereich Krippe, in dem ich arbeiten möchte. Im Alter von null bis drei Jahren sind wir doch ein wichtiger Bestandteil in der Prägung der Kinder, die wir teilweise acht Stunden täglich begleiten.

Zudem würde ich mir wünschen, dass die Eltern stärker miteinbezogen werden, damit Mama und Papa auch konkret sehen, was wir leisten. Was vielleicht auch in der Öffentlichkeit stärker ausgearbeitet werden sollte, dass wir nur Ergänzung sind, was Erziehung betrifft. Die Hauptaufgabe liegt aus meiner Sicht immer noch bei den Eltern, die ihre Kinder manchmal aber einfach nur gerne abgeben. Und das finde ich sehr schade. Das heißt, nicht nur das System steht in der Kritik, sondern auch die Einstellung vieler Eltern.

Erläutern Sie bitte kurz Inhalte und Ablauf Ihrer Ausbildung.

Es handelt sich um eine verkürzte Erzieherinnen-Ausbildung für Leute, die Abitur oder Fachabitur haben. Normalerweise dauert das fünf, für uns nur drei Jahre und ist wie ein duales Studium aufgebaut, weswegen wir auch Studierende in Ausbildung genannt werden. Der Modellversuch heißt OptiPrax, was so viel heißt wie optimierte Praxisphasen. Im ersten Jahr hatten wir immer drei Tage Arbeit und zwei Tage Schule. Im zweiten Jahr ist es umgekehrt. Wir haben einen Vertrag mit der Schule und einen mit der Einrichtung. Wenn die Schule in den Ferien geschlossen ist, sind wir immer in der Einrichtung und haben die praktischen und theoretischen Einheiten. Selbstverständlich bekommen wir von beiden Seiten die Kenntnisse bezüglich Pädagogik, Psychologie und Soziologie mit – was eben für die Arbeit mit Kindern wichtig ist. Bis hin zur Elternarbeit. Während der Ausbildung durchlaufen wir auch verschiedene Altersstufen, was wiederum vom Träger abhängt.

Welche Veränderung in der Entwicklung der Kinder beobachten Sie im Vergleich zu Ihrer Zeit als kleines Mädchen im Kindergarten?

In der Krippe ist das noch nicht so eklatant, wobei ich da keinen Vergleich habe, da ich als Kind in keiner Krippe war, sondern zu Hause groß und erzogen wurde. Aber klar ist das Thema Handy heute allgegenwärtig. Zu meiner Zeit gab es so etwas ja gar nicht, heute ist es fast normal, dass die Kinder im Kindergarten mit Handy oder Tablet beschäftigt sind. Drei- oder Vierjährige wissen heute sehr genau, was das ist und wie das funktioniert. Die spielen dann häufig mit dem iPhone der Mama. Es gibt aber auch positive Entwicklungen. Vor allem bei der Diakonie, für die ich arbeite, gibt es zahlreiche sehr individuelle Fördermaßnahmen. Da wird sehr genau hingeschaut, welche Kinder ADHS oder ein Trauma haben.

Früher wurde da schnell geurteilt und wenig unternommen, heute gibt es Kunst-, Ergo-, Verhaltens- oder Sprachtherapie. Und das alles sehr individuell. Kinder werden heute vielleicht spezifischer und durch bewährte Integrationsmodelle mehr gefördert. Heilpädagogische Tagesstätten hat es in der Zahl früher nicht gegeben. Da sind die Gruppen kleiner und man kann genauer hinschauen. Kinder entwickeln sich heute anders, weil sich die Zeiten einfach schneller verändern. Aus meiner Sicht besonders wichtig ist, dass den Kindern nicht immer vorschnell Lösungen angeboten werden, sondern dass man den Kindern hilft, sich selbst zu helfen. Kinder können viel mehr als viele denken. Da braucht es Vertrauen und Aufgaben, an denen die Kleinen wachsen und dann eben groß werden. Das ständige und zu intensive Kümmern wie es vielleicht bei den so genannten Helikopter-Eltern praktiziert wird, ist da eher kontraproduktiv.

Im nächsten Jahr schließen Sie Ihre Ausbildung ab. Model oder Pädagogin – wie geht es dann mit Sarah Zahn weiter?

Diesen Plan habe ich noch nicht. Ich versuche, das alles Schritt für Schritt zu machen, zumal jetzt erst einmal eine Facharbeit ansteht. Darin schreibe ich über Frühtraumatisierung, weil das ganz gut zu meiner Arbeit passt. Nächstes Jahr möchte ich dann meine Abschlussprüfungen vernünftig zu Ende bringen und sehen, was kommt. Klar würde ich auch gerne einen großen Urlaub machen, die Welt bereisen und es mir gut gehen lassen. Ich bin da total offen. Wichtig ist doch vor allem, dass man das tut, was einen glücklich macht. Das kann dann, wenn es soweit ist, ein Model-Job sein, weil durch die jüngsten Erfolge natürlich auch ein großes Netzwerk entstanden ist. Es kann aber auch sein, dass ich direkt in die Kinderbetreuung einsteige. Wir werden sehen, was kommt.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

So läuft die Ausbildung

Im Rahmen eines Schulversuchs (Erzieherausbildung mit optimierten Praxisphasen, kurz OptiPrax) ermöglicht das Kultusministerium seit dem Studienjahr 2016/17 eine verkürzte Ausbildungsvariante. Die Fachakademie für Sozialpädagogik der Inneren Mission, der Sarah Zahn angehört, beteiligt sich an diesem Schulversuch. Wesentliche Merkmale der neuen Ausbildungsvariante sind: Ausbildungsvertrag mit durchgehender Vergütung, enge Verzahnung von Theorie und Praxis, Ausbildung aus einer Hand (Fachakademie der Inneren Mission und Einrichtungen der Inneren Mission) sowie volle Gleichwertigkeit des Abschlusses: staatlich anerkannte/r Erzieher/-in. Den Studierenden wird eine tariflich festgelegte Vergütung bezahlt. In Zahlen: 918,26 Euro im 1., 968,20 Euro im 2. und 1.014,02 Euro im 3. Jahr.

[Ein Artikel aus unserem Hauspost – Archiv. Dieser Artikel erschien erstmals 2018 in Hauspost Nr. 4]

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