25. Februar 2020

5 Fragen an Karin Michalke

Sie ist Schriftstellerin, Drehbuchautorin – und seit zwei Jahren auch Mama. Karin Michalke ist in Tandern aufgewachsen. Derzeit lebt sie in Österreich und genießt das Leben in den Bergen. Für ein Interview mit dem Hauspost-Magazin hat die 42-Jährige einen Ausflug zu ihren Wurzeln im Landkreis Dachau gemacht. Wir haben die Trägerin des „Dialektpreis Bayern“ im Biergarten der Tafernwirtschaft Niederdorf getroffen und uns mit ihr über Freiheit, Heimat und Schweine unterhalten.

Frau Michalke, was schmerzt mehr: Heimweh oder Fernweh?

Heimweh.

Ihre Filme und Bücher erzählen von Heimat und dem Drang nach Freiheit. Sie haben Ihre Heimat verlassen. Um endlich frei zu sein?

Eigentlich kann ich das so nicht sagen. Es hat sich ergeben, und ja, natürlich wollt‘ ich die Welt sehen.
Bin am Alpenrand hängen geblieben. Den sieht man ja von Tandern aus. Vielleicht ist das ja in jedem Menschen einprogrammiert oder programmiert sich im Lauf des Lebens ein, ob er bleibt oder geht. Vielleicht je nachdem, was man oft sieht. Ich war oft da auf dem Hügel hinter Tandern, der Daumiller Berg heißt, und hab‘ bei Föhn die Alpenkette angeschaut. Und dann war ich schon als kleines Kind total oft mit meiner Familie in den Bergen unterwegs. Zillertal. Hauptsächlich mit meinem Opa. Der hat mich überall mit hingeschleppt. Ich glaube, diese Dinge programmieren sich ein. Wie abgepaust im Gehirn, und dann registriert das Gehirn etwas Bekanntes, Vertrautes, und da will es dann bleiben. Also, wenn man die Option hat, irgendwo zu leben, dann da, wo man’s vertraut findet. Das, was eh schon als Vorlage im Gehirn da ist. Wenn jetzt jemand Seefahrerromane liest und eine Fototapete von einer karibischen Insel im Zimmer hat, dann bleibt er eventuell eher an einem Strand hängen und nicht am Alpenrand. Keine romantische Theorie, aber eine praktische.

Sie waren einige Male mit Kühen auf der Alm. Wochenlang. Berge. Wo und wie genau war das? Was hat das mit Ihnen und Ihrer Sicht auf die Dinge gemacht?

Das war eine Alm im Chiemgau, dann im Oberland, zwischen Spitzingsee und Wendelstein. Ganz klar, dass man echt schauen muss, dass man selber mit sich klar kommt. Das nimmt einem keiner ab. Kein Mensch, kein Tier, kein Ort, keine Art von Abenteuer, die man sich ausdenkt, um wegzukommen. Und zweitens, dass wir Menschen in unserem Konsum-Irrsinn Dinge mit fühlenden, sensiblen Tieren veranstalten, für die man sich schämen muss. Mehr als schämen. Kühe, Kälber, Hühner, Schweine. Alle miteinander sind in der Lage, tiefe Bindungen miteinander und sogar mit einem Menschen einzugehen. Und keiner fragt sich, wo das Zeug im Kühlregal herkommt. Fleisch sowieso, aber auch Milch. Milch, auch von Kühen, ist immer Muttermilch. Andere Milch gibt’s nicht. Säugetier. Das muss klar sein. Was ist mit den Kälbern, die geboren werden? Weg. Industrie-Fleisch. Und mit den Kuh-Müttern, die diese Kälber gar nicht erst sehen, sondern gleich in die Milch-Fabrik marschieren? Einfach nur mal sich selbst fragen. Und warum lieben Schweine die Freiheit so sehr? Und können so viel? Und schlafen nur da, wo’s weich und sehr sauber ist, wenn sie die Wahl haben? Und suchen Körperkontakt mit dem, den sie mögen? Ich bin vegan seit der Alm.

Manche stehen dem Begriff Heimat negativ gegenüber, sehen ihn als Hürde zur Veränderung oder Neuerung. Sie auch?

Nein. Ein Baum oder ein Busch oder eine Blume stehen ja dem Boden auch nicht negativ gegenüber. Ich halte es für falsch, seine Wurzeln abzuhacken, weil man zum Beispiel denkt, ein Leben in der Stadt wäre weniger primitiv. Das Denken wäre wo anders freier, besser, more sophisticated. Das kommt ja oft vor. Ich bin gegen jede Form von Besser-Schlechter-Einteilung. Man muss sich alles genau anschauen, wer wirklich die primitiven, das heißt nicht hinterfragten, Gedanken oder Lebensgewohnheiten hat. Manchmal ist es doch so, dass je mehr Leuchten und Glitzer irgendwo rumblinkt, umso weniger achtsam ist der Einzelne. Aufmerksamkeit wird gelenkt. Gekauft. Das sollte man sich überlegen, bevor man große Schritte in die große Welt macht. Das heißt nicht, dass jeder Mensch Träume hat. Und die Freiheit, Träume auch zu verwirklichen. Sowieso. Die Seele weiß es. Man muss die Seele fragen. Negativ gegenüber stehe ich der Heimat-Brimborium-Diskussion. Das ist Blabla und hat mit Heimat nichts zu tun. Das ist Vermarktung und damit hört’s ja per Definition schon auf, Heimat zu sein.

Sie haben wirklich mal den Hochzeitsbaum Ihres Ex-Freundes zersägt und dabei Green Day auf volle Lautstärke gedreht? Mit was für einer Säge?

Fuchsschwanz. Zu dem Zeitpunkt war er schon geschieden. Es waren halt noch Relikte der alten Zeit vorhanden. Unter anderem dieser Hochzeitsbaum.

Vielen Dank für das Gespräch!

Das ist Karin Michalke:

geboren 1976 in Altomünster, aufgewachsen in Tandern. 1993-94 Austauschjahr in USA (Pennsylvania), 1996 Abitur am Josef-Effner-Gymnasium Dachau, Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen in München, Drehbücher für Marcus H. Rosenmüllers Kultfilme „Beste Zeit“, „Beste Gegend“,  „Beste Chance“ und „Räuber Kneißl“. 2009 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Rosa macht blau“, 2012 „Auch unter Kühen gibt es Zicken“ im Verlag Malik. Derzeit lebt sie mit ihrem Lebensgefährten Wolfgang und der gemeinsamen Tochter Mali in Thiersee bei Kufstein in Tirol.

[Ein Artikel aus unserem Hauspost-Archiv. Dieses Interview erschien erstmals 2018 in Hauspost Nr. 5]

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